Der folgende Text ist aus der Dorfchronik entnommen.



Kleinbahn Verden - Walsrode                                                       Dorfchronik S. 160-162

 

 

Bereits um die Jahrhundertwende gab es Pläne zum Bau einer Kleinbahn zwischen Verden und Walsrode. Vorgesehen war zunächst eine Schmalspurbahn, die von Verden über Eitze, Luttum, Hohenaverbergen, Armsen, Neddenaverbergen bis Stemmen und dann weiter über Südkampen, Vethem, Kirchboitzen, Altenboitzen, Hollige, Benzen nach Walsrode führen sollte. Aufgrund fehlender Rentabilität in dieser ländlichen Region ruhte das Projekt vorerst. 1906 wurden in Groß-Häuslingen Kalisalze gefunden, und die Bergwerksgesellschaft Aller-Nordstern begann mit der Förderung. Die Kaliwerke waren an einem möglichen Eisenbahnanschluss sehr interessiert. Der ursprüngliche Plan einer Schmalspurbahn wurde fallen gelassen. Stattdessen sollte nun eine Kleinbahn mit Normalspur gebaut werden, um einen ungehinderten Weitertransport von Gütern auf der Staatsbahn zu ermöglichen. Im Sommer 1908 wurde die neue Streckenführung über Klein- und Groß-Häuslingen festgelegt und vermessen.

 

In der am 18. Juli 1909 in Luttum einberufenen Gemeindeversammlung wurde folgender einstimmiger Beschluss gefasst: „ Die Gemeinde beteiligt sich an der Begründung einer Gesellschaft zum Bau und Betrieb einer vollspurigen Kleinbahn von Verden nach Walsrode mit einer Summe von 10.000 Mark, geschrieben: Zehntausend Mark. Zur Beschaffung dieser Summe soll bei der Spar- und Leihkasse des vormaligen Amtes Verden eine Anleihe in gleicher Höhe aufgenommen werden, welche mit dem für hypothekarische Darlehen der Sparkasse jeweilig zu zahlenden Zinsfuße zu verzinsen und derart zu tilgen ist, dass von der ursprünglichen Schuldsumme an Zinsen und Abtrag jährlich mindestens 5 % zu zahlen sind.“

 

Am 8. Februar 1910 wurde dann die „Kleinbahn Verden-Walsrode GmbH“ in Verden gegründet. Gesellschafter waren der Preußische Staat mit einer Stammeinlage von 500.000 Mark, die Provinz Hannover (ebenfalls 500.000 Mark), die Stadt Verden (30.000 Mark), der Kreis Fallingbostel (130.000 Mark), die Bergwerksgesellschaft Aller-Nordstern in Groß-Häuslingen (290.000 Mark) und sieben an der Bahnstrecke gelegene Kreisverdener Landgemeinden (Eitze, Luttum, Hohenaverbergen, Armsen, Neddenaverbergen, Stemmen und Otersen) mit insgesamt 100.000 Mark. Das Stammkapital betrug somit 1.650.000 Mark. Geschäftsführer der Gesellschaft wurde Landrat Dr. Seifert. Am 10. Februar wurde die Konzession für 99 Jahre von der Regierung in Stade erteilt.

 

In März 1910 begannen die Arbeiten an der 37,8 Kilometer langen Bahnstrecke.

 

Entlang der Strecke wurden Bahnhöfe und Haltepunkte errichtet. Die Schulchronik berichtet dazu Folgendes: „Für die Gemeinde Luttum wird zu Bessern etwa in einer Entfernung von sechs bis acht Minuten vom Dorfe ein Haltepunkt angelegt werden, da die Bahnhöfe Drommelbeck (Hohenaverbergen) und Eitze unserem sehr nahe liegen.“

 

Am 17. Dezember 1910 konnte der planmäßige Verkehr auf der Teilstrecke von Verden nach Altenboitzen und drei Tage später bis Vorwalsrode aufgenommen werden. Zuerst fuhren täglich drei Züge in jede Richtung. Nach Fertigstellung der Böhmebrücke konnte auch das letzte Teilstück bis Walsrode am 2. März 1911 für den Verkehr freigegeben werden. Auf der gesamten Strecke verkehrten an Werktagen vier gemischte Züge und an Feiertagen nur Personenzüge.

 

„Die Eröffnung der Bahn brachte ungewohnten, lebhaften Verkehr in unsere sonst zu stillen Dörfer. Von Anfang an waren die laufenden Züge mit Person immer voll besetzt“, so beschreibt Lehrer Thiele die Situation in der Schulchronik.

 

Die Gemeinde Luttum hatte zwar eine Haltestelle an der Bahnstrecke bekommen, aber es fehlte ein Wartehäuschen. Die Bahnverwaltung verweigerte die Genehmigung. Unmut regte sich bei der Dorfbevölkerung. Der Luttumer Lehrer schreibt dazu in der Schulchronik:

„Die eintreffenden wie mitfahrenden Reisenden auf unserem Haltepunkte hatten das nicht beneidenswerte Vergnügen, bei jeder vorkommenden Witterung, ob Sturm oder Regen, eine Promenade in Gottes freier Natur, des Abends sogar in größter Finsternis, denn eine Beleuchtung gab es auch nicht, zu machen.“ Schließlich bewilligte die Bahnverwaltung eine Wartebude für die Luttumer Haltestelle und deren Beleuchtung. Allerdings war die Gemeinde selbst für die Unterhaltung und Bedienung des Lichtes zuständig. Der Anbauer und Schumacher Diedrich Hogrefe (Nr. 41) übernahm dieses Amt im Auftrag der Gemeinde. Als Entschädigung erhält er 40Mark im Jahr aus der Gemeindekasse. Ebenfalls stellte die Gemeinde auf eigene Kosten einen Weg in gerader Richtung vom Dorf bis zur Haltestelle her (früher Bahnhofsweg; heute Allerweg), damit die Luttumer möglichst schnell zu dem südlich der Landstraße Verden-Walsrode gelegenen Haltepunkt der Kleinbahn gelangen konnten.

 

Der Fahrkartenverkauf erfolgte im Gasthaus Hellwinkel (Dorfstr. 28).

 

Durch den Bau der Kleinbahn wurde der Pferdepostwagen überflüssig und stellte seinen Dienst im Dezember 1910 ein. Vom 2. Januar 1911 an wurden Postsachen mit der Bahn befördert.

 

Am 1. Mai 1924 wurden die Kaliwerke in Groß-Häuslingen stillgelegt. Ein wichtiger Gesellschafter der Bahn ging verloren, und auch der Güterverkehr nahm ab. Die finanzielle Lage der Bahn verschlechterte sich zwangsläufig.

 

In den dreißiger Jahren wurde es notwendig, den Oberbau (Gleise) zu erneuern. Weil entsprechende Geldmittel fehlten, wurde beschlossen, den mittleren Streckenabschnitt zwischen Stemmen und Böhme (13,4 Kilometer) stillzulegen und abzubrechen, um so die notwendige Sanierung finanzieren zu können. Am 31. Oktober 1936 fuhr der letzte Zug durch Otersen, Häuslingen und Altenwahlingen. Auf der verbleibenden Teilstrecke Verden-Stemmen wurde der Personen- und Güterverkehr beibehalten, während auf dem Abschnitt Walsrode-Böhme lediglich Güterverkehr stattfand. Ebenfalls wurden die kostenaufwändigen Dampfzüge von Triebwagen abgelöst.

 

Wegen Kriegseinwirkung wurden die beiden Teilstrecken ab dem 13. April 1945 nicht mehr befahren. Ein ordnungsmäßiger Bahnbetrieb war durch die Kriegsschäden nicht mehr gewährleistet. Bereits am 21. Juni 1945 konnte der erste Zug auf der Strecke Verden-Stemmen wieder fahren. Nachdem die zerstörte Böhmebrücke wieder errichtet worden war, verkehrte die Bahn auf der Teilstrecke Böhme-Walsrode ab 16. Mai 1946.

 

In Luttum wurden 1938 insgesamt 2.474 Fahrkarten verkauft. 1952 waren es 2.796 Fahrkarten und 1958 waren es sogar 7.718 Karten.

 

In den 60er Jahren ging der Personenverkehr auf den beiden verbliebenen Strecken allerdings zurück, sodass der Personaltransport nach und nach von Omnibussen der Kleinbahn übernommen wurde. Der letzte Personenzug fuhr am 27. September 1969. Lediglich Güterverkehr findet heute noch auf der Schiene statt.

 

Seit dem 1. Juli 1972 ist für die früheren, jetzt nicht mehr selbstständigen Gemeinden Luttum, Hohenaverbergen, Armsen, Neddenaverbergen und Stemmen laut Gesellschafterbeschluss die Gemeinde Kirchlinteln alleiniger Gesellschafter geworden. Neben der Gemeinde Kirchlinteln sind heute die Landkreise Verden und Soltau-Fallingbostel und die Stadt Verden Gesellschafter der Verden-Walsroder Eisenbahn.

 

Auf dem Streckenabschnitt Verden-Stemmen werden seit einigen Jahren von einem privaten Eisenbahnverein gelegentlich Sonderfahrten in Personenwaggons angeboten, die an die „gute alte Zeit“ der Personenbeförderung auf dem Schienenweg erinnern.



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